Stillen

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Das erste Stillen

Das erste Stillen geschieht direkt nach der Geburt. Dieses erste Stillen ist aus zwei Gründen besonders wichtig und muss daher besonders angesprochen werden. Sofort nach der Geburt wird der Säugling nicht etwa gewaschen, sondern nur mit warmen, weichen Tüchern abgetrocknet und der Mutter auf den Bauch gelegt. Nachdem es sich kurz erholt hat, wird das Kleine sehr bald „aktiv“ werden, es beginnt von ganz allein in Richtung der mütterlichen Brustwarze zu robben, findet sie und wird zu saugen beginnen – leichte Hilfestellung ist natürlich meist angebracht. Da es nicht gewaschen wurde, ist es noch ganz vom Duft des Fruchtwassers „durchtränkt“ und die Brustwarze strömt einen dem Fruchtwasser ähnlichen Duft aus; so findet es die lebenswichtige Quelle sehr schnell. Dieser erste Hautkontakt mit der Mutter und diese ersten ein bis zwei Stunden der ungestörten „Kontaktaufnahme“ zwischen Mutter und Kind (wünschenswert ist auch eine gleiche Kontaktaufnahme mit dem Vater) sind sowohl für das Neugeborene als auch die Eltern sehr wichtig, er prägt in dem Kleinen das Urvertrauen und fördert die Zuneigung und Liebe zwischen Eltern und Kind. Dieses, heute »Bonding« genannt, hat aber auch eine Reihe ganz praktischer Vorteile, auf die wir schon im Kapitel „Geburt“ hingewiesen haben.

Der zweite Grund ist, dass der Säugling bei diesem ersten Stillen die über alle Maßen wichtige Vormilch, auch Kolostralmilch genannt, zu sich nimmt. Diese sehr eiweißreiche Milch, die daher mehr schleimartig und gelblich ist, enthält sehr viele Antikörper, die den Säugling vor Krankheiten schützen. Antikörper werden im Körper bei einer Erkrankung gebildet, um ihn in Zukunft vor dieser Erkrankung zu schützen; da der Säugling ja noch nie krank war, kann er keine Antikörper selbst gebildet haben. Diese muss er mit der Vormilch von der Mutter erhalten, da er sonst gegen Krankheiten ungeschützt ist. Außerdem legt sich die Vormilch aufgrund ihrer schleimartigen Konsistenz wie ein schützender Film über die sehr empfindliche Magen- und Darmschleimhaut des Neugeborenen und fördert die Bildung einer gesunden Darmbakterienflora.

Video Stillen

Am dritten bis fünften Tag nach der Geburt schießt nun die „normaleMuttermilch ein, die sich in ihrer Zusammensetzung während der Stillzeit jedoch verändert – sie passt sich den Bedürfnissen des Säuglings entsprechend seinem Alter an. Dieses „Einschießen“ der Milch verursacht meist ein deutliches Spannungsgefühl in der Brust, das auch schmerzhaft sein kann. Sie sollten sich dadurch nicht irritieren oder gar von Ihrem Vorsatz, zu stillen, abbringen lassen, diese Schmerzen vergehen sehr schnell wieder. Bei richtiger Beratung und Behandlung durch Hebamme, Stillberaterin und Schwester werden auch keine weiteren Probleme auftreten oder können zumindest sehr schnell gelöst werden. Wichtig ist, dass Sie sich nicht durch vordergründige Werbung – die jetzt meist massenhaft auf Sie einstürzen wird – von Ihrem Vorsatz abbringen lassen, denn die Vorteile des Stillens überwiegen bei Weitem die Nachteile – und das nicht nur für das Kind, sondern auch für die Mutter:

Psychologische Auswikungen durch das Stillen

Die psychologischen Auswirkungen des Stillens auf Mutter und Kind liegen auf der Hand, auf sie muss hier nicht weiter eingegangen werden. Muttermilch hat immer die ideale Zusammensetzung für das Kind, alle Nährstoffe, Vitamine und Mineralstoffe sind in der optimalen Zusammensetzung vorhanden, sie passt sich – wie schon erwähnt – der Entwicklung des Kindes an und verändert sich sogar während einer Stillmahlzeit; sie schützt vor Infektionskrankheiten, wie Atemwegserkrankungen und Mittelohrentzündungen, vor Magen- und Darminfektionen und Harnwegentzündungen – alles Erkrankungen, die bei nicht gestillten Kindern gehäuft auftreten. Ganz wichtig ist, dass – wie heute nachgewiesen – gestillte Kinder auch als Erwachsene deutlich seltener unter Allergien leiden (falls in der Familie Allergien vermehrt auftreten, ist es heute fast ein Muss, den Säugling als Prophylaxe mindestens sechs Monate zu stillen) selbst Neurodermitis tritt später deutlich seltener auf. Es gibt sogar Studien zur Intelligenzentwicklung, zum Alkoholismus und zur Schizophrenie, bei denen Erwachsene, die als Kind gestillt wurden, deutlich besser abschneiden.

Medizinische Vorteile für die Mutter sind, dass durch das Stillen das Hormon, das die Zurückbildung der Gebärmutter bewirkt, vermehrt ausgeschüttet wird und dass unter bestimmten Voraussetzungen eine erneute Schwangerschaft für eine gewisse Zeit verhütet wird. Die Gesamtauswertungen von vielen Einzelstudien weisen auf ein verringertes Risiko bei Frauen, die gestillt haben, für Brustkrebs und Osteoporose hin.

Im Vergleich zu dem oben Gesagten gibt es aber noch ganz prosaische Gründe für das Stillen: Sie sparen Zeit und Geld. Die Zeit für das Zubereiten der Flaschennahrung und für das Waschen und Sterilisieren der Flaschen und des Zubehörs – zusammengerechnet kommt da täglich einige Zeit zusammen –, Zeit, in der Sie sich sicher lieber und auch sinnvoller ihrem Kind widmen (oder ausspannen). Und nun das leidige Geld: Alles zusammengerechnet um die Flaschennahrung müssen Sie heute monatlich ca. 100 € dafür ansetzen.

So ungern es manche hören mögen, muss es doch auch hier wieder gesagt werden: Ihr Kind raucht mit und trinkt mit! Alkohol und Nikotin sind wie in der Schwangerschaft auch in der Stillzeit schädlich. Alles, was Sie in der Zeit zu sich nehmen, wird über die Milch auch an das Kind weitergegeben; das geht soweit, dass manche Säuglinge sogar in den sogenannten Stillstreik treten, wenn ihre Mutter etwas gegessen hat, das ihnen nicht schmeckt – bei Knoblauch kommt das z. B. häufiger vor.

Hier kommen wir zwangsläufig sofort auf das Thema Arzneimittel und Stillen. Grundsätzlich ist bei jeder Erkrankung der Mutter eine nichtmedikamentöse Therapie – falls möglich – vorzuziehen, denn Arzneimittel gehen natürlich auch in die Muttermilch über. Wie stark sie in die Muttermilch übergehen, hängt von ihrer Konzentration im Blut der Mutter ab, d. h. dass Arzneimittel, die keine verzögerte Wirkstoffabgabe haben, möglichst nach dem Stillen genommen werden sollen, denn sie haben kurz nach der Einnahme die höchste Konzentration im Blut; Arzneimittel mit verzögerter, gleichmäßiger Wirkstoffabgabe (z. B. „retard“ oder „long“) haben diese Konzentrationsspitze nicht. Es gibt nur wenige Arzneimittel, die grundsätzlich verboten sind (wie Chloramphenicol, Streptomycin, viele Antidepressiva und die Polio-Lebendimpfung – die aber alle auch vom Arzt verschrieben werden müssen), sie sind aber heute meist nur in den seltensten Fällen notwendig, denn es gibt andere verträglichere. Neu auf den Markt gekommene und Kombinationspräparate sind zu meiden, da ihre Verträglichkeit für Säuglinge noch nicht erwiesen bzw. undurchschaubar ist. Dass pflanzliche (Phytotherapie) und homöopathische Arzneimittel grundsätzlich erlaubt seien, ist ein anscheinend unzerstörbares Märchen; sie unterliegen den gleichen Gesetzmäßigkeiten wie nichtpflanzliche Arzneimittel. Grundsätzlich sollte, wenn in der Stillzeit Arzneimittel notwendig werden, der Arzt befragt werden. Hier gilt der inzwischen in aller Munde Spruch „…….. fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Selten ist somit heute bei richtiger Anwendung eines Medikamentes eine Stillpause oder gar ein Abstillen notwendig. Wer auf Nummer ganz sicher gehen will oder sich intensiv mit diesem Thema befassen möchte, findet unter www.embryotox.de eine hervorragende, ausführliche Übersicht aller Arzneimittel und wichtiger Erkrankungen bezüglich Schwangerschaft und Stillzeit.

Eine meist leider nicht zu vermeidende Phase nach der Geburt – also im sogenannten Wochenbett – beeinflusst häufig auch die Bereitschaft der Mütter zum Stillen negativ. Es ist das postpartale (nachgeburtliche) Stimmungstief, das sich in den seltensten Fällen zu einer echten Depression (Wochenbettdepression) oder gar Psychose entwickelt. Nahezu 80 % der Frauen (der Ausdruck „Wöchnerin“ ist unmodern geworden – warum eigentlich) erleiden dieses Stimmungstief, das in erster Linie auf die Hormonumstellungen im Körper der Frau nach der Geburt zurückzuführen ist; hinzu kommt die Erschöpfung nach der Schwangerschaft und der Geburt und auch die unbewusste Anspannung bis Angst vor dem Neuen, das jetzt auf Mutter und Familie zukommt. Das Stimmungstief kommt in den ersten zwei Wochen nach der Geburt und dauert bis zu einer Woche. Man muss wissen, dass dies ein ganz normaler Vorgang ist, und darf ihn keinesfalls überbewerten. In dieser Zeit braucht die junge Mutter viel Liebe, Zuwendung und Nachsicht von ihrem Partner und ihren Angehörigen, damit sich das „Leiden“ nicht aus sozialen Gründen verschlimmert.

Stillen nach Uhrzeit oder nach Bedarf

Es ist heute nachgewiesen, dass Kinder, die nach Bedarf – also immer dann, wenn sie Hunger haben – gestillt werden, sich deutlich problemloser und besser entwickeln, als solche, die nach einem bestimmten Rhythmus gestillt werden. Entsprechende Stillbüstenhalter und Kleidung machen es heute möglich, dass man überall ohne Aufsehen sein Kind stillen kann. Im Ausland sollte man sich allerdings vorher erkundigen, wie dort die entsprechenden Regelungen sind, sonst kann man nicht nur leicht anecken, sondern sogar straffällig werden.

Immer wieder kommt es auch vor, dass in der Stillzeit Entzündungen der Brustwarzen oder gar der Brust als solcher entstehen (Milchstau); sie sind meist auf falsches Anlegen des Säuglings, unvollständiges Entleeren der Brust oder Tragen von falschen (resp. falsches Tragen von) BHs zurückzuführen und sind ein Fall für eine Stillberaterin oder einen Arzt.

Wichtige Ansprechpartner für stillende Mütter, wo sie sich auch ganz persönlichen Rat holen können, sind u.a. die Arbeitsgemeinschaft Freier Stillgruppen e.V.und La Leche Liga e.V..

Beitrag erstellt und bearbeitet von Jörg